Die Manessische Liederhandschrift
Die Manessischer Liederhandschrift entstand im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts in der Gegend von Zürich. Sie ist das Auftragswerks eines Kreises von Adeligen und höherem Klerus, der sich das ehrgeizige Ziel gesteckt hatte, eine möglichst komplette Sammlung der Minnesänger und ihrer Gedichte zwischen 1160/70 und 1330 zu erstellen. Zu diesem Zirkel gehörten auch die Herren manesse, von denen die Handschrift ihren Namen erhielt. Sie ist auch unter dem Namen "Große Heidelberger Liederhandschrift" bekannt.
Neben den Gedichten der Minnesänger wurden auch Illustrationen des jeweiligen Sängers in Auftrag gegeben, die den Künstler in einer ihn charakterisierenden Umgebung darstellt. Die Miniaturen der Manesse wurden von vier verschiedenen Malern und ihren Gehilfen gemalt. Dabei wurde der größte Teil (110 von insgesamt 137 Abbildungen) vom sogenannten Grundstockmaler zwischen ca. 1300 und 1315 erstellt. Diese Bilder sind durch eine besondere Einheitlichkeit gekennzeichnet und durch die für sie typischen kräftigen, unvermischten Farben. Auch Die Rahmen der Abbildungen sind einheitlich in den Farben Zinnober und Purpur, Blau, Grün und Gold gehalten und weisen zumeist eine Streifen- oder Rautenmusterung auf. Die Bilder des Grundstockmalers stellen Mode und Rüsttechnik dar, wie sie seit ca. 1230 üblich war. Daher lassen sich diese Abbildungen auch für diese Zeit als Quelle gut mitverwenden.
Heutiger Verwahrort der großen Heidelberger Liederhandschrift ist die Universitätsbibliothek Heidelberg. Die Handschrift enthält 426 Pergamentblätter in Folioformat (35,5 x 25 cm), dazu zwei weitere Blätter, die wohl erst im 17. Jahrhundert hinzugefügt wurden. Der erste Einband war ein Holzdeckeleinband. Er existiert nicht mehr, läßt sich aber auf Grund von Spuren nachweisen. Ein Brettchen des Vorderdeckels hatte sich abgelöst und so das Pergament an dieser Stelle vergilben lassen. Eine ursprüngliche Eisenkette gegen Diebstahl hat Rostflecke auf der ersten Seite hinterlassen. Während die Handschrift in französischem Besitz war, erhielt sie 1680 einen Ziegenleder-Einband mit den Initialen König Ludwigs XIV. Der jetzige Einband, ein schlichter Ledereinband, ist der Handschrift 1927 in Leipzig zugefügt worden.
Die Handschrift ist zweispaltig mit jeweils 46 Textzeilen pro Seite eingerichtet. Die Strophen sind durch zweizeilige Initialen voneinander abgesetzt, die Initialen der Strophenanfänge sind größer, häufig über drei Zeilen laufend. Der Text der Strophen ist durchlaufend, dem Leser werden die Verse durch sogenannte Reimpunkte kenntlich gemacht. Die Initialen sind zweifarbig, wobei entweder die Farben rot oder blau als Grundfarben benutzt sind. Innerhalb des gleichen Tons tragen die Initiale die gleiche Grundfarbe. Bislang wurden sieben verschiedene Schreiber festgestellt. Der Text wurde in einer gotischen Minuskel, der "littera texturalis", geschrieben, wie sie zu Beginn des 14. Jahrhunderts üblich war.
Der Aufwand für das vorliegende Faksimile, das die erste Seite der Lieder Hiltpolds von Schwangau (um 1195 - nach 1254) darstellt, liegt bei etwa 25 Stunden reiner Schreibarbeit. Als Vorlage diente mir eine Farbkopie, von der ich Wort für Wort mittels eines Stechzirkels übertragen habe. Die Schrift wurde mit Tusche bzw. die Initialen mit Ecoline auf Elefantenhaut geschrieben.
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Lügner, auch die
machen einen Teil der höfischen Gesellschaft aus, haben ihn verleumdet.
Er beteuert dagegen seine Treue.
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| Daz ich den muot iemer von ir
bekêre, sô grôz unstæte ich vil gerne verbir: mîn herze stât niht sô, daz ez mich lêre daz ich mich iemer gescheide von ir, unde ir gebærde die râtent ez mir; die sint sô süeze, daz ich niemer mêre kein ander wîp möhte minnen sô sêre. ir schnen lîbes hât got michel êre. |
Daß ich auf immer mein Herz
von ihr kehre, so große Untreu sei ferne von mir! So steht's um mein Herz nicht, daß es mich lehre ab mich zu scheiden auf ewig von ihr. Auch ihre Gebärden, die raten es mir, die sind so süß, daß ich nimmermehr ein anderes Weib könnte minnen so sehr. Ihr schöner Leib, ist er Gott nicht zur Ehr'? |
| Ir schniu zuht alsô
senfte unde reine lât mich daz herze von ir scheiden niet. hie mit ich keine ander frouwen niht meine wan diu mir alsô gar friuntlîchen riet. dâ bî sol sî wol bekennen diu liet und dazs ouch wizze, ander frouwen dekeine habent an mir umb ir minne vil kleine: sus diene gerne ich in allen durch eine. |
Ihr holdes Benehmen, so sanft
und so reine, ließ es nicht zu, daß von ihr ich mich schied. Es ist eine einzige nur, die ich meine, sie, die zur Minne so freundlich mir riet. Erkennen soll sie mich in meinem Lied. Sie weiß es auch: der andern Frauen keine gilt meine Minne, wär' sie noch so kleine: Ich diene allen einzig durch die eine. |
| Mir ist der muot worden trüebe
unde swære, wand mîn sol doch niemer gein ir werden rât, sî si geloubet von mir bsiu mære, gein der mîn herze alsô güetlîchen stât. ein teil sî an mir vergâhet sich hât. sî hetes êre dazs ir zorn verbære, unze ich gein ir sô gar unschuldic wære. owê wes zîhent mich die lügenære! |
Nun ist das Gemüt mir worden
so schwer! Wie wird mir um ihretwillen nur Rat? Sie glaubt die böse, verleumderische Mär von mir, der sie immer um Minne doch bat. Mir ist, daß sie übereilet sich hat. Ließ sie den Zorn, es dient' ihr zur Ehr', bis meine Unschuld vor ihr offen wär. Ihr Lügner, welche Bosheit tragt ihr her! |
| Niemer müez ich sanfte erbîten
der stunde deich mích von ir scheide, swiez joch mir ergât. ob si mir niht ir genâden verbunde, sô daz beschæhe, sô würde mîn rât. ir rôter munt, der sô güetlîchen stât, ob si mir den wol zu küssenne gunde unde alsô, daz ez doch nieman befunde, daz herzeleit ich vil sanfte überwunde. |
Der Stunde, da ich schiede, mich
zu neigen, vermag ich nicht, gleich wie es mir ergeh'. Wenn sie mir Gnade möchte doch erzeigen, dann würde Rat mir. Daß mir's doch geschäh'! Ihr roter Mund, so liebereich wie eh, wenn sie mir den zum Kusse wollte neigen, so heimlich wie im heimlichsten Verschweigen, es würde selig meine Leiden übersteigen. |
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Der Sänger gibt
sich zu erkennen: seine Herrin, die Trägerin des Kranzes, soll wissen,
daß ihn nur die Minne (= Werben des Ritters um die geliebte Frau)
zu ihr zum Singen bewege. Alles andere sei Spiel, nicht Ernst.
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| Ein schapel brûn, underwîlent
ie blanc, hât mir gehhet daz derze und den muot. hie bî künd ich mîner frouwen den sanc, daz si bekenne, wer mich singen tuot. ich sól mich gein ir hulden hüetende sîn noch michels baz danne der ougen mîn: sî si getriuwe, daz werde an mir schîn. |
Ein Blumenkranz von Purpur und
von Weiß hat mir das Herz erhoben weit und frei. Ich künd es meiner Frauen solcherweis, daß sie erkenne, wer ihr Sänger sei. Und ihre Huld, ich will sie hüten gar noch mehr als meiner eig'nen Augen Paar. An mir werd ihre Treue offenbar. |
| Ez ist ein wunder, mir wart nie
sô wê, dô ich wol vieren für eigen mich bôt. nu minn ich eine und deheine ander mê und íst nâch der einen noch grzer mîn nôt danne si wære von minne allez ie. ez was ein spil dâ mit ich umbe gie: nû 'kenn ich minne, die 'rkande ich ê nie. |
Es ist ein Wunder: mir ward nie
so weh, da ich mich vieren, einst zu eigen bot. Nun ist's daß ich allein für eine steh', und um die eine leid ich größre Not, als ich sie jemals durch die Minne fand. Ein Spiel nur war es, dem ich zugewandt. Was Minne sei - erst jetzt hab ich's erkannt. |
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Beim Aufbruch zum Kreuzzug
reflektiert der Dichter über Minne und Abschied. Gottesdienst steht
für ihn höher als Frauendienst. Die Minne läßt er
seinen Freunden zurück; möge sie ihnen zur Freude gereichen.
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| Ez ist ein reht daz ich lâze
den muot der mir ûf minne ie was rîche unde guot: ich will gebâren als ez mir nu stât. owê daz minne ie daz bse ende hât! swer sich mir stæte an ir unstæte lât, wê wie unsanfte dem ein scheiden tuot! alsô hât mir dâ daz selbe getân. liebe muoz dicke mit leide zergân. wie sanft im ist der sich ir hât behuot! Nu werdent ougen vil trüebe unde rôt nâch lieben friunden sô lîdent si nôt, die ir da beitent vil lîhte iemermê. daz leit getuot manger frouwen nu wê, die fröide pflâgen mit liebe allez ê; der wunne wendet nu mange der tôt. minne unde friunde ich dur got lâzen will. des dunket mich dur in niemer ze vil, sît man uns von ime dienest gebôt. |
Nun hab' ich ein Recht, daß
ich lasse den Mut nach Minne zu streben mit Eifer und gut, und will mich gehaben, so wie es mir steht. Weh, daß uns die Minne so elend vergeht! Wer immer der Flücht'gen in Treuen blieb' stät, wie weh dem das bittere Scheiden nun tät'. So ist es denn jetzt auch mir selber geschehen. Wie oft muß die Liebe im Leide vergehen! Wohl, wer sich beizeiten vor ihr nahm in Hut! Nun werden viel Augen gar trübe und rot, der Freunde wegen ach leiden sie Not. So harren sie ihrer vergebens vielleicht, daß sehnend dem Herzen das Leid nicht entweicht, die Wonne sich wendet in bitteren Tod. - |
| Mîn teil der minne daz sult
ir iu hân, daz enwil ich anders niemanne lân. dâ bî gedenken sult ir, herren, mîn: hæte ich iht liebers, daz, sollte iuwer sîn: fröide unde wunne wird iu von ir schîn. sî hât mir niht niuwan leit noch getân, sît ich mich kêrte und iu sêre ranc an eine stat dâ mir niene gelanc. baz danne mir müez ez iu mit ergân. |
Mein Teil der Minne soll euer
sein, er bleibe niemand als euer allein. Behaltet dafür mich, ihr Herren, im Sinn! Besäß ich noch Liebers, ich gäb es euch hin. Euch mag ihre Freude und Wonne erblüh'n. Mir gab sie den Becher des Leides nur ein, seit daß ich zu jener Stätte mich drang, zu der mich zu schwingen mir nimmer gelang. Mög, was ich hoffte, euch besser gedeih'n! |
| Daz ir genâde mich sô
gar vergie, des bin ich frô unde klagtez doch ie. ir edler minne ich noch sanfter enbir danne ich sie weste in den sorgen nâch mir, alse ich nu hân unde lîde nâch ir. got unser herre, dur den ich sie lie, der günne mir des, wird iemer ein wîp der ûf genâde sül dienen mîn lîp, daz ez diu sî diu mich êrste gevie. |
Ging einst ihre Gnade vorüber
an mir, des bin ich nun froh, und doch klagte ich's ihr. Denn leichter entbehr ihre Minne ich nun, als säh ich in Sorgen um mich sie nicht ruh'n. Um Gottes willen verlaß ich sie hier. |
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Hiltebolds hübsches
Tanzlied mit dem Refrain "Elle und Else tanzent wol, des man in beiden
danken sol", der Anleitung gegeben hat zur Miniatur im Codex Manesse
(sh. oben).
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| Ich will aber der lieben singen, der ich ie mit triuwen sanc, ûf genâde und ûf gedingen, daz mîn trûren werde krane. bî der ich alsô schône an eime tanze gie, ir zæme wol diu krône: sô schne wîp wart nie. |
Ich will der Lieben wieder singen, |
| Elle und Else tanzent wol, des man in beiden danken sol. |
Elle und Else tanzen wohl, daß man den beiden danken soll. |
| In gesach sô tugentrîche frouwen nie, des muoz ich jehen, noch sô rehte minneclîche, swaz ich frouwen hân gesehen; des ist si vor in allen gewaltic iemer mîn. si muoz mir wol gevallen, sie süezer sælden schrîn. |
Nimmermehr, ich muß es sagen, |
| Elle und Else tanzent wol, des man in beiden danken sol. |
Elle und Else tanzen wohl, daß man den beiden danken soll. |
| Sælic sî diu süeze
reine, sælic sî ir rôter munt, sælic sî die ich dâ meine, sælic sî sô süezer funt; sælic sî diu süeze stunde, sælic sî daz ich's ersach, sælic sî dô sî mich bunde: diu bant ich noch nie zerbrach. |
Selig sei die Süße,
Reine, selig sei ihr roter Mund, selig sei sie, die ich meine, selig mein so süßer Fund. Selig, holdeste der Stunden, da ich sie ersah und fand, selig, da sie mich gebunden mit dem Band, das nie zerbrach. |
| Elle und Else tanzent wol, des man in beiden danken sol. |
Elle und Else tanzen wohl, daß man den beiden danken soll. |

